Gedanken zur Woche in Zeiten der Corona-Pandemie

Liebe Leserin, lieber Leser!

Beim Lesen des Wochenspruch aus Epheser 5, 8-9, „Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit,“ fallen mir Bilder aus dem Jahr 1989 ein. Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie Tausende Menschen in Leipzig friedlich mit Kerzen durch die Straßen ziehen. Stasi und Militär müssen tatenlos zusehen. Begonnen hatte alles mit den Friedensgebeten in der Nikolaikirche. Die Teilnehmer nahmen nach dem Gebet Kerzen als Zeichen des Friedens und der Gewaltlosigkeit mit und zogen durch Leipzigs Straßen.

Diese Bewegung wurde von Woche zu Woche größer. Die Stasi hatte randalierende und gewaltbereite Horden erwartet, die Schaufenster einschlugen oder Schilder zerstörten. Nichts da! Es wurde kein einziger Stein geworfen. Nichts wurde zerstört. Die Stadt war in ein Lichtermeer gehüllt, alles verlief friedlich. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich diese Bilder sehe.

Der friedliche Zug verkörpert für mich auf anschauliche Weise, was es heißt, als Kinder des Lichts zu wandeln. Die Bilder von 1989 schenken mir Mut, Licht für die Welt zu sein. Denn Christsein ist nicht saft- und kraftlos, sondern zeigt enorme Wirkung. Manchmal denken wir vielleicht: Was kann ich schon ausrichten? Dazu kann ich nur sagen: Jeder Christ ist ein Kind des Lichts. Wir bringen Licht in diese oft so dunkle Welt. Unser Da-Sein verändert das mitmenschliche Zusammensein. Unser Gebet kann viel bewirken, wie der Fall der Mauer 1989 zeigt. Wir dürfen es nicht unterschätzen, ebenso wie wir uns nicht unterschätzen dürfen.

Die Früchte, die wir als Kinder des Lichts tragen, sind dreierlei, nämlich Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Diese Eigenschaften sind heute wichtiger denn je. Denn wenn unser Zusammenleben immer mehr von Fake-News und Lügen bestimmt wird, endet das in Misstrauen und schließlich im Zusammenbruch unserer Gesellschaft. Die Corona-Pandemie zeigt uns auf drastische Weise, was Gerechtigkeit auch heißt: Nämlich gerechte Bezahlung des Pflegepersonals sowie eine gerechte Behandlung der Vertragsarbeiter in Schlachtbetrieben.

Güte schließlich ist eine zeitlose Eigenschaft, die Christen als Kinder des Lichts ausmacht. Güte zeichnet sich aus durch eine freundliche und wohlwollende Einstellung dem anderen gegenüber. Wer gütig ist, denkt nicht nur an den eigenen Vorteil auf Kosten anderer, wie der Wirecard-Skandal auf erschreckende Weise zeigt. Nein, gütig sein bedeutet, an den anderen zu denken, für sein Wohl zu sorgen und ihn mit den liebenden Augen Gottes zu betrachten. Also, lasst uns als Kinder des Lichts wandeln. Darauf liegt ein großer Segen.

Seien Sie behütet! Gott befohlen.

Ihr Pfarrer Martin Gohlke

(02.08.2020)